In der Welt aber nicht von der Welt
- Branka Ito
- 3. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

Dreizehn Jahre lang war ich Schülerin in einer gnostischen Geistesschule, die sich unter anderem auf die Katharer berief. Ihr Weltbild teile ich bis heute. Die Auslegung der modernen Mysterienschule konnte mich jedoch nicht berühren. Ich verliess die Gemeinschaft, um mir ohne Druck und Dogma, wie es in solchen Gruppierungen unterschwellig üblich ist, meine eigenen Gedanken machen zu können. Das ist mein Verständnis des “verbotenen Buches” der Katharer - dem Liber de duobus principiis, das in mündlicher Übertragung bewahrt wurde. Verboten war nicht der Text – verboten war die ontologische Konsequenz. Ich gehe nicht auf die üblichen dualistischen Auslegungen ein, sondern gebe mein Verständnis wieder.
(Bemerkung am Rande: Wie sehr ich mich verbunden fühle mit den Katharer kann man am zweiten Vornamen meiner Tochter ablesen: Esclarmonde. Esclarmonde von Foix (* um 1151; † um 1215) war eine bedeutende katharische Perfekta („die Vollkommene“) im Südfrankreich des 13. Jahrhunderts. Ihr Name bedeutet „Licht der Welt“ (okzitanisch: Esclarmonda, französisch: éclair du monde).
Der Erzfeind der katholischen Kirche - eine kurze historische Einordnung der Katharer
Die Katharer waren eine christliche Glaubensbewegung im Mittelalter, vor allem in Südfrankreich (Okzitanien), Sie lehnten den materiellen Reichtum der katholischen Kirche ab und lebten ohne materiellen Besitzt. Ihre Bischöfe und Fürsten bildeten eine Gegenkirche, die der päpstlichen Autorität direkt widersprach. Sie waren selbstautoritär. Die Bewegung gewann viele Anhänger, weil sie spirituelle Reinheit und soziale Gerechtigkeit versprach – im Gegensatz zur oft korrupten und reichen katholischen Hierarchie. Diese Popularität machte die Katharer zur grössten religiösen Herausforderung für die Kirche.
Konsequente Verfolgung und Auslöschung der Katharer
Die Ausbreitung und systematische Institutionalisierung der Inquisition geschah massgeblich als Reaktion auf die katharische Bewegung im 12. und 13. Jahrhundert. Daran erkennt man, dass die Katharer etwas lehrten, was das System extrem nervös machte und es nicht dulden konnte.
Den Katharern wurde oft Teufelsanbetung vorgeworfen. Diese Vorwürfe – verbunden mit Anschuldigungen sexueller Ausschweifungen und Hostienschändung – dienten der Rechtfertigung von Kreuzzug und Inquisition. Tatsächlich war die Anklage der Teufelsanbetung eine Projektion und Propaganda, um die Bewegung als gefährlich und gottlos darzustellen. Damit sind wir am Gravitationspunkt der katharischen Weltvorstellung angekommen:
Das Weltbild der Katharer – jenseits von Dualismus und Weltverachtung
Das Weltbild der Katharer gründete nicht auf der Ablehnung der Welt, wie diese ihnen oft angedichtet wird, sondern auf einer radikalen Unterscheidung zwischen Sein und den mentalen Ordnungen, durch die Sein erklärt, reguliert und beherrscht wird ergo der religiösen oder spirituellen Doktrin. Wenn sie von einer „gefallenen Welt“ sprachen, meinten sie nicht die natürliche Schöpfung, nicht die Erde, nicht die Tier- und Pflanzenwelt, nicht den Körper und nicht das Leben an sich. Gemeint war jene Ebene, auf der sich das Denken über das Sein an die Stelle des Seins selbst gesetzt hat.
Für die Katharer war der Ursprung allen Seins nicht lokal, nicht zeitlich und nicht begrifflich fassbar. Er war reines Leben, reines Licht, reine Gegenwärtigkeit, erleuchtete Präsenz – nicht als Objekt, sondern als unmittelbare Wirklichkeit. Der Mensch war diesem Ursprung nicht fremd, sondern entstammte ihm. Die Seele galt als aus dieser ursprünglichen Ordnung hervorgegangen, nicht erschaffen von der Welt, in der sie sich wiederfand.
Die „Welt“, von der sich die Katharer innerlich distanzierten, war daher keine Landschaft und kein Kosmos, sondern ein mentales Gefüge aus Identität, Schuld, Zeit, Macht und Autorität. Sie kannten keine Erbsünde. Diese Ordnung beanspruchte, der Ursprung zu sein, obwohl sie selbst nur eine abgeleitete Struktur war und bis heute ist. In der katharischen Sprache wurde diese Ordnung als Herrschaft des Rex Mundi beschrieben – nicht als personifiziertes Böses, sondern als Prinzip einer sich selbst absolut setzenden Weltdeutung, die bis zum heutigen Tag die Menschheit unbewusst macht.
Die Gefangenschaft des Menschen besteht aus katharischer Sicht nicht darin, in einem Körper zu leben, sondern darin, sich mit den mentalen Bildern vom Selbst zu identifizieren: mit Namen, Rollen, Geschichten, Hoffnungen, Ängsten und spirituellen Idealen. Diese Identifikation erzeugte eine Vernebelung des ursprünglichen Gewahrseins. Nicht das Sein war gefallen, sondern die Wahrnehmung des Seins war überlagert worden.
Natur und Tierwelt nahmen in diesem Weltbild eine besondere Stellung ein. Sie galten nicht als Teil der gefallenen Ordnung, weil sie keine selbstreflexive Identität ausbilden. Tiere leben nicht aus Selbstbildern, sie projizieren keine Zukunft und konstruieren keine metaphysischen Rechtfertigungen. Gerade deshalb standen sie der ursprünglichen Ordnung näher – nicht höher, nicht heiliger, sondern unverstellt. Sie sind natürlich. Die Natur war für die Katharer kein Heilsmittel und keine Autorität wie in paganischen Religionen, sondern ein stiller Spiegel für nicht-verfälschtes Sein.
Auch Christus wurde in diesem Zusammenhang nicht als Opfer oder Sühnefigur verstanden. Für die Katharer war er kein Mittler, der zwischen Gott und Mensch vermittelt, sondern ein lebendiger Hinweis auf den Ursprung selbst. Christus verkörperte ein Bewusstsein, das sich nicht mit der Weltordnung identifizierte und sie dadurch transparent machte.
Seine Botschaft war keine Erlösung durch Glauben, sondern eine Einladung zur Erinnerung: an das, was der Mensch jenseits aller Zuschreibungen bereits ist!!!!!!!!
Die Erlösung bestand daher nicht in der Flucht aus der Welt oder ihrer Ablehnung, sondern im Austritt aus der Verwechslung. Das einzige Sakrament der Katharer, das Consolamentum, war kein magischer Akt, sondern eine innere Rückbindung an das nicht-zeitliche Sein – ein Aufhören, sich aus mentalen Konstruktionen zu erklären. Es war kein Anfang, sondern ein Ende: das Ende der Abhängigkeit von äusseren und inneren Autoritäten.
Ethik ergab sich in diesem Weltbild nicht aus Geboten, sondern aus Kohärenz. Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit und Besitzlosigkeit waren keine moralischen Forderungen, sondern natürliche Folgen eines Bewusstseins, das sich nicht mehr aus Mangel, Angst oder Identität speiste. Wer sich nicht mehr als getrenntes Selbst erlebt, kann weder herrschen noch unterworfen werden.
Gerade diese Haltung machte die Katharer für bestehende Ordnungen gefährlich. Nicht, weil sie opponierten, sondern weil sie sich entzogen. Ein Mensch, der keine äussere Legitimation für sein Sein benötigt, entzieht sich jeder Form von Kontrolle. Die Inquisition war daher weniger eine Reaktion auf eine Lehre als auf eine Existenzweise, die sich nicht integrieren liess.
Konklusion
Die Welt selbst war für die Katharer nie das eigentliche Problem. Problematisch war allein der Anspruch der Welt, Ursprung zu sein – der Anspruch, das Sein aus Formen, Geschichten, Rollen und Ordnungen heraus zu erklären. Dort, wo die Welt nicht mehr als Ausdruck, sondern als Quelle verstanden wurde, entstand Verstrickung. Nicht durch die Existenz der Welt, sondern durch die Identifikation mit ihr. Die Welt ist Ausdruck von Bewusstsein – nicht seine Quelle.
In dem Moment jedoch, in dem dieser Anspruch fiel, verlor die Weltordnung ihre Macht, ohne dass etwas bekämpft, reformiert oder zerstört werden musste. Die Formen durften bleiben, doch sie trugen nicht länger die Last des Ursprungs. Schuld, Angst, Hoffnung und Erlösungsversprechen verloren ihre bindende Kraft, weil sie nicht mehr als notwendig erlebt wurden.
Das ist das Radikale, was die Kirche zu Weissglut trieb. Die Katharer haben sich von der Identifikation mit Rex Mundi einfach entkoppelt. Der Herrscher dieser Welt lebt nicht von Gewalt sondern von Identifikation.
Macht entsteht nur dort, wo etwas als ursächlich notwendig erlebt wird. Solange die Welt als einzige Realität akzeptiert wird, kann sie Schuld erzeugen, Angst konditionieren, Hoffnung instrumentalisieren, Erlösung versprechen, Zugehörigkeit gewähren oder entziehen: Das ganze Repertoire der Religionen eben.
Erlösung bedeutete im Verständnis der Katharer keine Flucht aus der Welt, sondern eine Rückverortung des Ursprungs jenseits aller Bedeutungsnetze. Was nicht Ursprung ist, muss nicht überwunden werden. Es genügt, es als Ausdruck zu erkennen. Dort wird die Welt durchsichtig, der Anspruch des Rex Mundi löst sich, und das Sein bleibt als das, was es immer war: unmittelbar, unvermittelt und frei von Erklärung.
So endet das katharische Weltbild nicht in Dualismus oder Weltverneinung, sondern in stiller Souveränität. Die Welt verliert ihre absolute Macht, nicht weil sie falsch ist, sondern weil sie nicht das ist, was der Mensch in Wahrheit ist.









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