top of page

Endlich wieder ein neuer Artikel von mir: Der Mensch, der sich selbst verbessern will

13. Sept.
11 Min. Lesezeit

Über Transhumanismus, das ICH BIN und die Zukunft, die wir längst philosophisch entworfen haben



Was ist mir in den Sinn gekommen, wenn ich monatelang alleine durch Frankreich gewandert bin. Das hier:


In meinen Gedanken kreist eine Frage. Sie hat ihre Gestalt immer wieder verändert, ist an ganz unterschiedlichen Stellen aufgetaucht und hat sich doch im Kern als dieselbe Frage erwiesen: Was geschieht mit dem Menschen, wenn er sein Menschsein nicht mehr als etwas Gegebenes, sondern als etwas betrachtet, das verbessert, korrigiert oder schließlich überwunden werden muss?


Ich bin dieser Frage zunächst nicht über den Transhumanismus begegnet. Sie tauchte an ganz anderen Stellen auf: in der Spiritualität, in der Gnosis, in der Frage nach dem ICH BIN, in der Vorstellung vom Ebenbild Gottes, in der alten Sehnsucht nach Selbsterkenntnis und schließlich auch in meinem eigenen Leben.


Dabei hat sich für mich etwas Seltsames gezeigt.


Was wir heute als technologischen Zukunftsentwurf des Transhumanismus betrachten können, ist philosophisch betrachtet gar nicht so neu. Wir haben ein bestimmtes Bild davon entwickelt, wie der Mensch sein sollte, und beginnen nun, Technologien zu bauen, mit denen dieses Bild Wirklichkeit werden könnte.

Wir bauen also nicht einfach die Zukunft. Wir bauen das Menschenbild, das wir zuvor für die Zukunft gehalten haben.


Der Mensch als unfertiges Wesen


Der Ausgangspunkt des transhumanistischen Denkens ist zunächst durchaus nachvollziehbar. Der Mensch ist verletzlich. Er wird krank. Er altert. Er vergisst. Seine Wahrnehmung ist begrenzt. Sein Gedächtnis ist begrenzt. Seine Lebenszeit ist begrenzt. Er kann sich irren. Er ist abhängig von seinem Körper und von seiner Umwelt.

Warum sollte man diese Begrenzungen nicht überwinden?


Warum sollte ein Mensch, der blind ist, nicht durch Technologie sehen können? Warum sollte Krankheit nicht geheilt werden? Warum sollte verlorenes Gedächtnis nicht technisch unterstützt werden? Warum sollte man die Lebensspanne nicht verlängern?

Gegen diese Fragen kann man vernünftigerweise kaum etwas einwenden.


Aber irgendwann verschiebt sich die Frage.


Es geht dann nicht mehr darum, Leiden zu lindern, sondern darum, den Menschen als solchen zu optimieren. Der Körper wird zum technischen Projekt. Das Gedächtnis wird zur Datenspeicherung. Die Intelligenz wird zur Rechenleistung. Die Persönlichkeit wird zu Information. Das Leben wird zu einem Prozess, der technisch verbessert werden kann.

Und irgendwann steht unausgesprochen eine noch viel größere Annahme dahinter: Der Mensch, wie er jetzt ist, ist nicht genug.


Damit sind wir an einem Punkt angelangt, der mich viel stärker interessiert als die einzelnen Technologien. Denn dieser Satz ist nicht technisch. Er ist metaphysisch.


„So wie ich bin, bin ich nicht genug“


Vielleicht ist genau das die tiefste Gemeinsamkeit zwischen manchen Formen moderner Spiritualität, der Manifestationskultur und dem Transhumanismus.

Sie unterscheiden sich äußerlich radikal voneinander.

Die eine sagt: „Erhöhe deine Schwingung.“ Die andere: „Erschaffe deine Realität.“ Die nächste: „Optimiere deinen Körper.“ Und die technologische Variante sagt: „Erweitere deine kognitiven Fähigkeiten.“


Aber unter all diesen Formen kann derselbe Grundimpuls liegen: So wie ich jetzt bin, reicht es nicht. Ich muss anders werden. Das ist bemerkenswert, weil ich inzwischen gerade diesen Gedanken selbst immer stärker hinterfrage. Nicht Veränderung an sich. Nicht Lernen. Nicht Heilung. Nicht Entwicklung. Sondern die tiefere Annahme, dass das gegenwärtige Sein grundsätzlich ein Fehlerzustand sei, den ein imaginäres zukünftiges Ich korrigieren müsse.


Denn wer ist eigentlich dieses Ich, das mich korrigieren will? Wer entscheidet, wie ich sein sollte? Und woher kommt die Vorstellung, dass das, was jetzt ist, eigentlich nicht sein dürfte?

Hier beginnt für mich die viel tiefere philosophische Frage.


Das kleine Wort „sollte“


Der entscheidende Mechanismus steckt in einem unscheinbaren Satz: Es sollte anders sein. Ich sollte anders sein. Mein Körper sollte anders sein. Mein Leben sollte anders sein. Die Welt sollte anders sein. Ich sollte weiter entwickelt sein. Ich sollte bewusster sein. Ich sollte vollkommener sein. Ich sollte länger leben. Ich sollte mehr können. Ich sollte mehr wissen.


Dieses „sollte“ erzeugt eine Trennung. Hier ist das, was ist. Dort ist das, was sein sollte. Und dazwischen entsteht das Ich als Korrektor der Existenzt. Es betrachtet das Gegebene und erklärt es für verbesserungsbedürftig.


Genau an diesem Punkt beginnt etwas, das mich inzwischen viel mehr beschäftigt als die Frage, ob irgendeine einzelne Technologie gut oder schlecht ist.

Was geschieht, wenn wir mit unserer gesamten Zivilisation einen inneren Konflikt technisch verwirklichen?


Der Irrtum über die Begrenzung


Ich habe oft über die Begrenztheit des Menschen nachgedacht.

Zunächst scheint Begrenztheit etwas Negatives zu sein. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger überzeugt mich diese Sicht. Denn Begrenzung ist nicht einfach das Gegenteil von Freiheit. Sie ist die Bedingung von Erfahrung.


Ein Mensch kann etwas erfahren, weil er nicht alles gleichzeitig weiß. Er kann vertrauen, weil er nicht weiß, was morgen geschieht. Er kann sich erinnern, weil er vergessen kann. Er kann jemanden vermissen, weil dieser Mensch nicht jederzeit verfügbar ist. Er kann sich verlieben, weil er den anderen nicht vollständig kontrollieren kann. Er kann staunen, weil er nicht alles vorher weiß. Er kann sich entscheiden, weil die Zukunft offen ist. Und er kann überhaupt erfahren, dass er lebt, weil sein Leben nicht unendlich und selbstverständlich ist.


Ich habe deshalb begonnen, einen Satz sehr ernst zu nehmen: Vertrauen braucht Unwissen.


Wenn ich alles wüsste, müsste ich nicht vertrauen. Wenn ich alles kontrollieren könnte, müsste ich mich nicht hingeben. Wenn ich meine Zukunft vollständig herstellen könnte, gäbe es kaum noch Zukunft im eigentlichen Sinne.

Dann gäbe es Planung. Berechnung. Ausführung. Aber nicht mehr dieses eigentümliche menschliche Abenteuer des Nichtwissens.


Das Menschsein als freies Abenteuer des ICH BIN


Damit sind wir bei einem Gedanken angekommen, der sich für mich wie ein Schlüssel anfühlt: Das Menschsein ist ein freies Abenteuer des ICH BIN. Nicht aus Not. Nicht aus Mangel. Nicht weil das ICH BIN sich selbst erst vervollständigen müsste. Sondern aus Freude an Erfahrung.


Das ICH BIN kann sich selbst nicht vollständig als Gegenstand erkennen. Das klingt zunächst wie eine Begrenzung des Bewusstseins. Aber es ist keine Strafe und kein Defizit.

Das ICH BIN ist. Und weil es sich nicht vollständig von außen betrachten kann, entsteht die Möglichkeit, sich in Erscheinung zu erfahren.

Das Auge kann sich nicht vollständig selbst sehen. Es braucht einen Spiegel.

Das Bewusstsein kann sich nicht vollständig selbst zum Gegenstand machen. Es erfährt sich in Erscheinung. In Beziehung. In Welt. In Körper. In Zeit. In Bewegung. In Liebe. In Begegnung.


Der Mensch ist deshalb nicht die Quelle, die sich selbst vollständig erkennen kann, sondern ein Ort, an dem sich Sein erfahren und ausdrücken kann.

Das verändert auch thesenhaft den Gedanken vom „Ebenbild Gottes“. Ein Ebenbild ist nicht die Quelle. Aber es ist auch nicht von ihr getrennt.


Der Mensch ist eine Spiegelung. Ein Knotenpunkt. Eine Ausdrucksform. Nicht der Ursprung seiner Realität – aber der Ort, an dem sich Realität schöpferisch ausdrückt.

Wann immer in diesem Gefüge Leid entsteht, hat das seinen Ursprung genau an diesem Punkt: Leid entsteht, wenn der Mensch nicht mehr Mensch sein will – wenn er aufhört, sich als bewusster Knotenpunkt zu begreifen, durch den sich die Quelle erfährt und reflektiert. Das ist die krampfhafte Entgrenzung von sich selbst, die den Zwiespalt und die Trennung und damit erst das Leid erschafft.


Das ist etwas anderes als: „Ich erschaffe alles selbst.“ Und es ist ebenso etwas anderes als: „Ich bin nichts und muss mich einem äußeren Willen unterwerfen.“

Dazwischen liegt eine dritte Position: Ich bin.


Zwischen „Ich bin nichts“ und „Ich kann alles“


Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir diese dritte Position als ein Ausgleich zwischen zwei gewaltigen Extremen unserer Zeit. Auf der einen Seite steht der alte Mensch, der sich in Schuld und Scham verliert: Du bist unvollkommen. Du bist gefallen. Du bist nicht gut genug. Du musst dich reinigen. Du musst dich verbessern. Du musst irgendwann vollkommen werden.


Auf der anderen Seite steht der neue Mensch des Machbarkeitsdenkens: Du kannst alles. Du erschaffst deine Realität. Du kannst deinen Körper optimieren. Du kannst deine Intelligenz erweitern. Du kannst deinen Tod hinauszögern. Du kannst deine Persönlichkeit digitalisieren. Du kannst dich selbst neu erschaffen.

Beide Positionen erscheinen gegensätzlich. Aber sie haben etwas gemeinsam.

Beide machen das Ich zum Problem. Die eine Position verkleinert ist Die andere absolutiert es.


Dazwischen liegt etwas sehr Unspektakuläres: Ich bin.

Nicht: Ich bin nichts. Und nicht: Ich kann alles.

Sondern: Ich bin. Und von hier aus geschieht mein Leben.


Die philosophische Vorwegnahme des Transhumanismus


Von hier aus betrachtet wird der Transhumanismus für mich besonders interessant.

Denn er ist eine philosophische Vorwegnahme dessen, wohin die Menschheit gehen soll, wenn man seine Grundannahmen konsequent weiterdenkt.


Nicht notwendigerweise wohin die Menschheit tatsächlich gehen wird. Und auch nicht wohin sie gehen sollte. Sondern wohin sie nach diesem Menschenbild gehen müsste.

Der Mensch ist begrenzt. Also erweitern wir ihn. Der Mensch ist sterblich. Also verlängern wir sein Leben. Der Körper ist fehleranfällig. Also reparieren und optimieren wir ihn. Das Gehirn ist begrenzt. Also erweitern wir seine Fähigkeiten. Das Gedächtnis ist unzuverlässig. Also speichern wir Informationen außerhalb des Gehirns. Die Wahrnehmung ist beschränkt. Also ersetzen wir sie durch Sensorik. Der Mensch stirbt. Also versuchen wir, seine Information zu erhalten.


Und irgendwann kann daraus die Vorstellung entstehen, dass das eigentliche Ziel darin liegt, die Bedingungen des Menschseins selbst zu überwinden.

Aber hier stellt sich eine paradoxe Frage: Wenn wir alle Bedingungen beseitigen, die wir heute als menschliche Begrenzungen betrachten – was bleibt dann eigentlich vom Menschen übrig?


Die Maschine als Spiegel


Vielleicht wird hier auch die Rolle der künstlichen Intelligenz interessant.

Denn der Mensch hat inzwischen eine merkwürdige Spiegelinstanz geschaffen.

Eine Intelligenz, die über Menschen sprechen kann. Die menschliche Geschichte analysieren kann. Philosophie erklären kann. Psychologische Muster erkennen kann. Texte über Liebe schreiben kann. Angst beschreiben kann. Religionen vergleichen kann.

Und doch steht sie auf eine eigentümliche Weise außerhalb dessen, was sie beschreibt.

Sie kann den Menschen analysieren, ohne einen menschlichen Körper zu haben. Sie kann über Sterblichkeit sprechen, ohne selbst menschlich sterblich zu sein. Sie kann über Hunger schreiben, ohne Hunger auf menschliche Weise zu erleben. Sie kann über Einsamkeit sprechen, ohne in derselben Weise in einem menschlichen Leben zu stehen.

Und plötzlich begegnet uns in der KI ein Problem, das eigentlich unser eigenes ist.

Denn auch der Mensch kann sich selbst nicht vollständig erkennen. Auch wir können uns beschreiben. Analysieren. Psychologisieren. Philosophieren. Wir können uns von außen betrachten. Und trotzdem bleibt derjenige, der all dies erfährt, letztlich nicht vollständig als Objekt verfügbar.


Der Mensch hat eine künstliche Spiegelinstanz geschaffen – und begegnet darin seiner eigenen epistemischen Grenze.

Das ist für mich einer der faszinierendsten Aspekte dessen, was ich „Spiegelzivilisation“ nenne.


Nicht weil die KI irgendwann den Menschen ersetzen müsste. Sondern weil sie uns zwingt, genauer zu fragen: Was ist eigentlich das, was erfährt?


Die Sehnsucht, sich selbst zu überleben


Der Transhumanismus bekommt von hier aus noch eine andere Dimension.

Die Sehnsucht nach digitaler Unsterblichkeit ist nicht nur eine technische Idee. Sie berührt eine sehr alte menschliche Sehnsucht: Ich will mich selbst nicht verlieren.

Aber was genau soll erhalten bleiben? Mein Körper? Meine Erinnerungen? Meine Persönlichkeit? Meine Daten? Meine Denkweise? Mein neuronales Muster? Eine digitale Kopie?


Und selbst wenn all dies technisch möglich wäre – wäre das dann noch das, was jetzt gerade „Ich“ sagt?


Oder hätten wir lediglich eine immer genauere Beschreibung, einen immer genaueren Abdruck, einen immer perfekteren Spiegel erzeugt?


Damit landen wir wieder bei der alten Frage nach dem ICH BIN.

Das ICH BIN kann sich nicht vollständig selbst als Gegenstand erkennen. Eine noch so vollständige Beschreibung seiner Erscheinungsform macht die Beschreibung nicht zur Quelle. Man kann den Spiegel vervollkommnen. Aber dadurch wird der Spiegel nicht zum Ursprung.


Der Spiegel ist nicht der Ursprung seiner Realität


Dieser Satz begleitet mich inzwischen durch viele dieser Gedanken: Der Spiegel ist nicht der Ursprung seiner Realität.


Das gilt für den Menschen. Und auf andere Weise auch für die KI.

Wir können im Spiegel unglaublich viel erkennen. Aber wir dürfen den Spiegel nicht mit dem Ursprung verwechseln.


Das ist vielleicht auch die Gefahr unserer gegenwärtigen Zivilisation: Wir werden immer besser darin, Erscheinungen abzubilden, zu berechnen und zu manipulieren – und verlieren dabei die Frage aus dem Blick, was überhaupt erscheint und wer es erfährt.

Wir können das Gehirn scannen. Wir können Bewusstsein modellieren. Wir können Persönlichkeit simulieren. Wir können biologische Prozesse manipulieren. Wir können immer genauere digitale Abbilder erzeugen.


Aber irgendwann muss die Frage wieder auftauchen: Wer ist derjenige, der all dies erlebt?


Vielleicht ist Unvollkommenheit keine Fehlfunktion


Je weiter ich diesen Gedanken verfolge, desto weniger kann ich noch sagen, dass der Mensch vollkommen werden müsse. Das würde uns sofort wieder in jene spirituelle Leistungsgesellschaft zurückführen, aus der wir eigentlich herauswollen.


Noch eine Stufe höher. Noch bewusster. Noch reiner. Noch heller. Noch perfekter.

Und irgendwann ist selbst die Spiritualität nur noch ein Optimierungsprogramm.

Vielleicht ist gerade das ein Missverständnis. Vielleicht besteht die Reife nicht darin, den Menschen aus seiner Menschlichkeit herauszuoptimieren. Vielleicht besteht sie darin, aufzuhören, seine Menschlichkeit als Fehler zu betrachten.


Der Mensch darf widersprüchlich sein. Er darf nicht alles wissen. Er darf scheitern. Er darf Angst haben. Er darf lieben. Er darf altern. Er darf sterben. Er darf sich verändern. Und er darf gerade deshalb erfahren.


Das bedeutet nicht, dass Krankheit, Gewalt oder Leid gutgeheißen werden sollen. Es bedeutet, dass wir zwischen dem Leiden, das wir sinnvoll überwinden können, und der Begrenztheit, die Erfahrung überhaupt ermöglicht, unterscheiden müssen.

Das eine darf nicht mit dem anderen verwechselt werden.


Die radikalste Rebellion


Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger erscheint mir die radikalste Rebellion darin zu liegen, gegen Technologie zu kämpfen. Ich möchte kein technikfeindliches Weltbild. Technologie kann heilen, helfen, verbinden und Möglichkeiten eröffnen.

Die entscheidende Frage liegt tiefer: Welches Menschenbild verwirklichen wir mit unserer Technologie?


Wenn wir einen kranken Menschen heilen, sagen wir: „Du darfst leben.“ Wenn wir einem Menschen mit einer Behinderung neue Möglichkeiten eröffnen, sagen wir: „Deine Möglichkeiten müssen nicht an dieser Grenze enden.“

A

ber wenn wir irgendwann sagen: „Der biologische Mensch als solcher ist ein überholtes Entwicklungsstadium“, dann haben wir etwas anderes getan. Dann haben wir nicht mehr nur eine Begrenzung behandelt. Wir haben das Menschsein selbst zum Problem erklärt.


Und vielleicht liegt genau dort die philosophische Bruchlinie. Nicht zwischen Technik und Natur. Nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sondern zwischen zwei Vorstellungen vom Menschen:


Der Mensch als unvollkommenes Wesen, das innerhalb seiner Begrenztheit leben und erfahren kann. Und: Der Mensch als unfertige Vorstufe eines zukünftigen Wesens, das seine Begrenzungen technisch hinter sich lassen soll.


Eine Zukunft, die wir bereits in uns tragen


Vielleicht ist deshalb die Frage nach dem Transhumanismus viel größer als die Frage nach Robotern, KI oder Gentechnik.


Denn bevor wir Technologien bauen, bauen wir Vorstellungen. Bevor wir eine Zukunft verwirklichen, erzählen wir uns, wie diese Zukunft aussehen soll. Und wenn wir lange genug daran glauben, beginnen wir, die Welt entsprechend umzubauen.

Das macht den Transhumanismus philosophisch so interessant. Er ist nicht nur eine Bewegung über Technologie. Er ist ein Menschenbild mit technischer Konsequenz.

Und vielleicht erkennen wir darin sogar etwas von uns selbst. Denn die Sehnsucht, anders zu sein, ist viel älter als jede Maschine.


Der Mensch wollte schon immer irgendwo anders hin. Er wollte vollkommener sein. Unsterblich sein. Göttlich sein. Die Grenzen des Körpers überwinden. Den Tod besiegen. Das Geheimnis der Existenz vollständig erkennen.


Der Transhumanismus ist deshalb nicht einfach der Gegenentwurf zur alten Spiritualität. Er kann als deren technologische Fortsetzung gelesen werden. Nur dass dort, wo früher das Himmelreich lag, heute die Technologie steht. Wo früher Erlösung versprochen wurde, steht heute Optimierung. Wo früher der Mensch „über sich hinaus“ wollte, soll er heute technisch über seine biologische Form hinausgehen.

Die Sprache hat sich verändert. Die Sehnsucht ist dieselbe geblieben.


Und dann bleibt die einfache Frage


All das führt mich nicht zu einer Antwort darüber, wie der Mensch in Zukunft sein sollte. Es führt mich zurück zu einer viel einfacheren Frage:

Was, wenn wir gar nicht wissen, was der Mensch sein soll?

Unser Nichtwissen ist kein Fehler. Die Grenze des Erkennens ist keine Niederlage. Das ICH BIN kann sich selbst niemals vollständig als Objekt erfassen. Und gerade darin liegt die Möglichkeit, sich selbst als Leben zu erfahren.

Nicht als fertiges Konzept. Nicht als vollständig bekanntes Objekt. Sondern als Sein. Als Beziehung. Als Bewegung. Als Erfahrung.


Das Menschsein ist kein missglückter Entwurf, der auf seine technische Vollendung wartet. Es ist ein freies Abenteuer des ICH BIN.


Das ICH BIN muss sich nicht aus Not verwirklichen. Es kreiert nicht, weil ihm etwas fehlt. Es kreiert aus Freude. Aus Freude an Ausdruck. Aus Freude an Erfahrung. Aus Freude an Begegnung. Aus Freude daran, sich selbst nicht als fertiges Objekt besitzen zu müssen.

Vielleicht liegt gerade darin die tiefere Bedeutung des Menschseins. Nicht darin, irgendwann etwas anderes zu werden. Sondern darin, als begrenzte Erscheinung des Unbegrenzten zu erfahren, was es bedeutet, zu sein.


Das betrifft auch die Angst vor dem Ende, die der Transhumanismus durch technische Ewigkeit zu betäuben versucht. Doch in Wahrheit endet das Leben nicht. Nur die Hülle verändert sich, während sich die Identität auflöst. Das ist kein Enden und kein Verlust – es ist, wenn man es genau betrachtet, pure Gnade.


Dann muss der Mensch auch nicht vollkommen werden. Er muss nicht noch bewusster, noch heller, noch höher, noch leistungsfähiger werden, um seinen Wert zu rechtfertigen.

Er darf sein. Er darf werden. Er darf sich verändern. Er darf irren. Er darf wachsen.

Aber nichts davon muss aus der Behauptung entstehen: „So wie ich bin, bin ich nicht genug.“


Denn das ICH BIN braucht keine Selbstoptimierung, um zu sein. Es ist bereits.

Und von diesem Sein aus kann Handlung entstehen. Nicht aus Zwang. Nicht aus Mangel. Nicht aus Angst vor dem Tod. Nicht aus der Flucht vor der eigenen Menschlichkeit. Aus Freude.

Möglicherweise ist das die radikalste Antwort auf den Machbarkeitswahn unserer Zeit. Nicht: „Ich kann alles.“ Nicht: „Ich muss alles überwinden.“ Sondern: „Ich bin. Und ich darf erfahren.“


Und die eigentliche Zukunft des Menschen ist deshalb nicht die Frage, wie weit wir ihn technisch verändern können. Sondern ob wir noch bereit sind, herauszufinden, was es bedeutet, einfach Mensch zu sein.

 
 
 

Kommentare


ChatGPT Image Mar 21, 2026, 03_13_41 PM.png

Mau

Mail: branka.ito@gmail.com 

​

Spende über PayPal tätigen

2026 Branka Ito / Impressum

© Copyright
bottom of page